11. – 13. Schuljahr

Marcel Wähler

„Was wäre passiert, wenn ...?

Kontrafaktisches Gedankenexperiment zum sowjetischen Umgang mit Aufständen in der DDR und im übrigen Ostblock

Kontrafaktische Geschichte muss mit einer genauen Analyse der Ausgangssituation und Bedingungen beginnen, um zugleich den chronologischen und sachlichen Bezugsrahmen einzugrenzen. Neben der klaren Definition von „Tatsache und „Wahrheit sind kontrafaktische Entwürfe auf eine deutliche Analyse des Begriffs „Möglichkeit angewiesen, denn diese Gedankenexperimente entwerfen in einem Zwischenschritt „Möglichkeitsurteile. Allerdings sollte sich kontrafaktische Geschichte nur mit Möglichkeiten beschäftigen, die im Bereich einer realistischen Wahrscheinlichkeit liegen. Sie darf den Bezug zum Faktischen und tatsächlich Geschehenen nicht verlieren, will sie kein abwegiges Produkt der Phantasie sein. Kontrafaktische Gedankenexperimente haben zum Ziel, durch Konstruktion von alternativen Szenarien, kontrastiv gegen einen real-geschichtlichen Verlauf von Ereignissen die historische Bedeutung dieser Ereignisse schärfer hervorzuheben.
Unterrichtsdramaturgie
Die Schülerinnen und Schüler sollen in ihren Überlegungen von der kontrafaktischen Annahme ausgehen, dass die Sowjetunion die Protestbewegungen in der DDR 1989 sowie in den übrigen Ostblockstaaten (Polen, Tschechoslowakei oder Ungarn), ähnlich wie in der DDR 1953, Ungarn 1956 oder im „Prager Frühling 1968, mithilfe von militärischer Gewalt unter Kontrolle gebracht und niedergeschlagen hätte. Eine solche Intervention hätte nicht automatisch den Erfolg bzw. die Stabilisierung/Fortsetzung des kommunistischen Systems der UdSSR mit seinen Satellitenstaaten bedeutet. In ihren Reflexionen sollen die Schülerinnen und Schüler feststellen, dass die UdSSR nicht ohne Weiteres in der Lage gewesen wäre, nach einem gewaltsamen Einmarsch in die DDR oder andere Staaten, langfristig für eine Reform mit Schaffung einer Wirtschaft zu sorgen, die Wohlstand, Sicherheit und Wohlfahrt gebracht und für ein Überleben der kommunistischen Herrschaft gesorgt hätte. Die ideologisch motivierte Fusion von Außen- und Innenpolitik war in den Staaten des Warschauer Pakts vorbei.
Voraussetzung für das Gedankenexperiment ist die Kenntnis der Breschnew-Doktrin, die ein militärisches Vorgehen der Sowjetunion ab dem blutigen Eingreifen im „Prager Frühling 1968 erlaubte. Zudem sollen die Schülerinnen und Schüler die möglichen Reaktionen des Westens, insbesondere der USA, in ihre Überlegungen mit einbeziehen. Laut einer Aussage des damaligen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse wäre es womöglich zu einem Atomkrieg (vgl. M1 ) mit den USA gekommen, von den möglichen Bürgerkriegen in den aufbegehrenden Ländern einmal abgesehen.
So faszinierend und schlüssig die Analysen der Lernenden vielleicht sein können, so ist es dennoch geboten, kritisch nach möglichen Lernchancen und dem Ertrag dieses kontrafaktischen Gedankenexperiments zu fragen. Was können Schülerinnen und Schüler aus solchen Überlegungen lernen? Welche Erkenntnisse können sie daraus ziehen?
Zum einen entwickeln sie von sich aus in einem engen Rahmen kontrafaktische Szenarien, um diese auf das tatsächliche Geschehen zurückzuführen. Sie verlieren das eigentliche Ereignis nicht aus den Augen und erkennen die Funktion der kontrafaktischen Überlegungen als Mittel zur Reflexion über das Gewesene. Sie erkennen z.B., dass ein militärisches Eingreifen vor allem in der DDR durch die Stationierung von 380000 Soldaten möglich gewesen wäre, die Chancen eines langfristigen Erfolgs jedoch insgesamt zu gering waren. Zum anderen können kontrafaktische Überlegungen dazu beitragen, überbrachte Vorstellungen von Vergangenheit kritisch zu hinterfragen. Es kann ein Instrumentarium sein, das die Schülerinnen und Schüler dazu zwingt, sich nicht mit simplen Vorstellungen kausal-bedingten Handlungsmustern zufriedenzugeben („Es konnte gar nicht anders kommen, als …“), sondern durch...

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