1. – 13. Schuljahr

Monika Rox-Helmer

„Wahnsinn

Die Ereignisse von 1989 in jugendliterarischen Erzählungen

Die Ereignisse des Jahres 1989 liegen inzwischen eine Generation zurück und sind für die Nachgeborenen nur schwer in ihrer Bedeutung zu erfassen. Mit ihnen hat sich ein so grundlegender Wandel vollzogen, dass für diejenigen, die in einem freien Europa ohne Grenzen aufgewachsen sind, das Leben im geteilten Deutschland kaum vorstellbar ist und ihnen von den „Wendejahren geprägte Schicksale häufig fremd bleiben.
Für die komplexen Umbruchsprozesse der oft einfach als „Wende bezeichneten Zeit reicht es deshalb nicht aus, die Fakten zu kennen. Wenn es darum geht, die Erlebnisse und Erfahrungen von Menschen damals zu verstehen, muss nachvollzogen werden, wie das Leben in der bipolaren Welt aussah und was der Zusammenbruch von Staaten sowie der Wechsel von Regimen für den einzelnen Menschen bedeutete. Dafür ist es grundlegend, die Welt vor 1990 in ihrer Andersartigkeit wahrzunehmen.
Gerade die Jugendliteratur kann für das Verstehen dieser Umbruchssituation eine Unterstützung sein, denn sie vermittelt an konkreten Figuren Innenperspektiven und begibt sich imaginativ auf die Ebene der Erlebenden. In spannenden Handlungen wird die Zeit vergegenwärtigt und der Alltag an lebensnahen Themen veranschaulicht. Das spätere Wissen, z.B. über den friedlichen Ausgang der revolutionären Situation und die deutsche Wiedervereinigung, wird in der fiktiven Vergegenwärtigung zunächst ausgeblendet. So kann der Leser in die fremde Zeit eintauchen und den vielfältigen Wandel im Vergleich zur Lebenswelt erkennen.
Der jugendliterarische Markt wird im Zusammenhang mit dem 30. Jubiläum der friedlichen Revolution um einige Neuerscheinungen bereichert. Das war auch schon bei anderen Jahrestagen der Fall, sodass zu diesem Themenbereich eine Fülle von Romanen vorliegt. Diese spiegeln, dass die Jugendliteratur auch ein Teilbereich der aktuellen Erinnerungskultur ist und auch als Spiegel dafür betrachtet werden kann, welche Aspekte der Wendezeit die Autorinnen und Autoren für so relevant halten, dass sie diese an Jugendliche vermitteln wollen.
Der deutsche Jugendbuchmarkt greift thematisch insbesondere das Leben in der DDR sowie die Ereignisse, die letztlich zur Wiedervereinigung geführt haben, auf. Dennoch nehmen die meisten jugendliterarischen Werke auch die Unruhen in China und das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens sowie die Grenzöffnung in Ungarn oder die Ausreise deutscher Flüchtlinge aus der Prager Botschaft am Rande auf. Interessant dabei ist, dass inzwischen auch Autorinnen über dieses Thema schreiben, die kaum eigene Erinnerungen an die Zeit haben.
Die promovierte niederländische Historikerin und Jugendbuchautorin Aline Sax war z.B. beim Mauerfall erst fünf Jahre alt. Sie schildert im Nachwort ihres Romans, dass es sie bei Berlin-Besuchen aber immer interessiert habe, wie es wohl gewesen sein könnte, diese Zeit mitzuerleben. Genau diese Frage beantwortet sie für sich und ihre Leserinnen und Leser mit ihrem Roman „Grenzgänger . Er erzählt eine fiktive Familiengeschichte, anhand der die Bedeutung des Umbruchs 1989 gerade dadurch anschaulich werden kann, weil auch die Zeiten des Mauerbaus und das Leben im geteilten Berlin in den 1970er-Jahren mit breit angelegten Zeitbildern aufgegriffen werden.
Der Roman stellt in seinen drei Teilen über jeweils einen Protagonisten aus der Ich-Perspektive den Alltag in Berlin in unterschiedlichen Jahrzehnten dar: Julians Geschichte spielt 1961, seine Nichte Marthe berichtet aus dem Jahr 1977 und eine jüngere Nichte Sibylle begleitet der Leser durch das ereignisreiche Jahr 1989. Damit schafft der Roman drei Zeitbilder, die insgesamt verdeutlichen können, welche Konstanten das Leben im geteilten Deutschland und insbesondere in der DDR bestimmten. Sie zeigen aber auch die Veränderungen zwischen den Jahrzehnten. So wird deutlich, wie sich die Situation des Eingemauert-Seins...

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