9. – 10. Schuljahr

Heike Wolter

Vom Ende der Geschichte

Francis Fukuyamas provokante These zum Epochenjahr 1989

Francis Fukuyama war nicht der Einzige, der sich angesichts der globalen Umwälzungen 1989 fragte, ob nun das „Ende der Geschichte gekommen sei. Lutz Niethammer überlegte, ob das Zeitalter der Posthistoire gekommen sei und Thomas Jung erzählte, warum es eine Tendenz, eine Sehnsucht vielleicht nach dem idealen Schlusspunkt gab.
Dabei ist auffällig, dass 1989 längst überwundener Fortschrittsglaube, die geschichtsphilosophische Auffassung eines Telos, neuen Zulauf fand. Besonders häufig bezog sich die Diskussion auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er war der (umstrittenen) Überzeugung, Geschichte verlaufe zielgerichtet: Sie entwickle sich wenn auch mit Rückschlägen hin zu immer mehr Rationalität und Freiheit. Die Menschen strebten nach größerer Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung. Fukuyama erweiterte dies um den Begriff der Anerkennung, denn allein (technologischer und persönlicher) Fortschritt erkläre nicht den langfristigen Erfolg von Demokratien. (Jetschke 2018, S.808f.)
Francis Fukuyama und andere leiteten daraus die politikwissenschaftliche Überlegung ab, es müsse eine Staats- und Gesellschaftsform geben, die besser als andere und möglichst ideal diese Selbstentfaltung gewährleiste. Die liberale Demokratie bei Fukuyama in US-amerikanischer Prägung (Jordan 2009, S.160) sei dieses Modell und ernsthafte Konkurrenz oder Alternativen gebe es nicht (Söllner 2016, S.186).
Mit Hegel kam Francis Fukuyama zu dem Schluss, dass demnach die Geschichte gewissermaßen zu Ende sei, wenn diese liberale Demokratie erreicht sei. Mit dem Untergang des Nationalsozialismus 1945 und (weitgehend) des Kommunismus/Sozialismus zwischen 1989 und 1992 vollzogen zahlreiche Länder eine Hinwendung zur Demokratie und schienen zunächst Fukuyamas Annahmen zu bestätigen (Jordan 2009, S.161).
Im Gegensatz zur äußeren Wahrnehmung ist Francis Fukuyama kein Fortschrittsgläubiger, der die Augen vor der realen Welt verschließt. Sein Hauptwerk von 1992 „Das Ende der Geschichte gedanklich bereits im Sommer 1989 in einem entsprechenden Artikel in der Zeitschrift The National Interest formuliert fragt kritisch, ob solch ein Ende der Geschichte wünschenswert sei, wo das Modell an seine Grenzen käme und welche Herausforderungen bestünden, die das Ende verzögerten (Jordan 2009, 161f./Jetschke 2018, S.806). In späteren Erklärungen zu seinem Modell wird deutlich, dass Fukuyamas Idee der zu einem Ende gekommenen Geschichte eine Utopie sein muss, das Ziel eines mindestens noch nicht (und so seine zahlreichen Kritiker wohl niemals) abgeschlossenen Modernisierungsprozesses (Parkes 2011, S.47).
Francis Fukuyamas Werk ist hoch umstritten. Die Kritik ist empirischer, geschichtstheoretischer und philosophischer Natur (Jetschke 2018, S.811817). Auf jeden Fall aber ist seine provokante These ein guter Ansatzpunkt, um über den Konstruktcharakter von Geschichte ins Gespräch zu kommen, wie die umfangreiche Rezeptionsgeschichte beweist.
Geschichte als Konstruktion: Überlegungen zur didaktischen Analyse
Unterrichtsentwürfe zu Geschichtstheorie und -philosophie sind selten. Und so spielt auch Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte kaum eine Rolle im Geschichtsunterricht zum Epochenjahr 1989. In der Tat: Das Thema ist komplex, die Gedankengänge und vor allem die Auseinandersetzung mit ihnen herausfordernd. Hinzu kommt, dass die Begrifflichkeiten nicht immer deutlich genug definiert sind oder sich erst in der Beschäftigung mit größeren Teilen seines Werks und in ihrer Veränderung im Laufe der Jahre erschließen. Was meint Fukuyama mit dem „Ende? Wie definiert er den „Liberalismus? Welche Rolle spielt der Aufklärer Hegel für sein Denken? Die Antworten erschließen sich schrittweise im Unterrichtsgeschehen durch eine intensive Kontextualisierung.
Eine Unterrichtsstunde zu Fukuyama, der Kritik an ihm und der (Un-)Haltbarkeit seiner Theorie in...

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