11. – 13. Schuljahr

Dominik Kiesling/Renate LiU/Sonja Slomka/Saraj Vainstain/Jan Robert Weber

Ungarns Grenzöffnung: Beginn der Wiedervereinigung?

Kausalzusammenhänge erklären und historische Perspektiven reflektieren

Im Sommer 1989 öffnete Ungarn schrittweise seine Grenzen und machte so den „Eisernen Vorhang für Bürgerinnen und Bürger der DDR durchlässig. Vor allem für die DDR bedeutete die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze den Anfang vom Ende, löste sie doch eine revolutionäre Kettenreaktion aus, in der sich Massenflucht, innenpolitischer Protest sowie außenpolitische Isolation wechselseitig bedingten und rasch zur Agonie des SED-Regimes führten, die am 9. November 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer ihren vorläufigen Höhepunkt fand.
Sachanalyse
Ungarns Liberalisierung des Grenzregimes war Teil des reformkommunistischen Kurses, der mit Gorbatschows Billigung bald in eine stille Revolution überging. 1988/89 wandelte sich Ungarn zu einem demokratischen Rechtsstaat (inklusive Reisefreiheit), sodass der Beitritt zur Genfer Flüchtlingskonvention am 14. März 1989, der Abbau der militärischen Sperranlagen ab dem 2. Mai, die symbolische Zerschneidung des Stacheldrahtzauns durch Ungarns Außenminister Horn und dessen österreichischen Amtskollegen Mock am 27. Juni sowie das „Paneuropa Picknick bei Sopron am 19. August eine logische Folge dieser Demokratisierung bildeten.
Allerdings bedeutete dies nicht, dass die Grenze unbewacht blieb; nach wie vor unterband das ungarische Militär illegale Grenzübertritte. Zumal die neue Grenzpolitik außenpolitische Konflikte mit den kommunistischen „Bruderstaaten nach sich zog, allen voran mit der DDR, die Ungarns Politik als „Verrat auffasste. Gemäß dem Reiseverkehrsabkommen von 1969 bestand die DDR darauf, dass „Republikflüchtlinge ausgeliefert würden. Tatsächlich setzte die Budapester Regierung Abschiebungen erst Mitte Juli aus, um dann „einen Schritt von weltgeschichtlicher Bedeutung (Winkler 2004, S.489) zu tun: Nach einem geheimen Treffen von Ministerpräsident Németh und Außenminister Horn mit Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher am 25. August auf Schloss Gymnich bei Bonn, auf dem Ungarn von westdeutscher Seite großzügige Wirtschaftshilfen angeboten wurden, verkündete Ungarn am 11. September 1989 die freie Ausreise aller Ostdeutschen und kündigte damit die Verpflichtung, Flüchtlinge an ihr sozialistisches Herkunftsland auszuliefern, einseitig auf. Die Teilung Europas war damit aufgehoben. Folgerichtig ergoss sich bis Ende September ein Flüchtlingsstrom von ca. 34000 DDR-Bürgern, die in ungarischen Auffanglagern auf eine Ausreisemöglichkeit gehofft hatten, in die Bundesrepublik. Die folgenden reisepolitischen Restriktionen des DDR-Regimes konnten die Migration nicht mehr stoppen, sondern nur noch umleiten. Im Laufe des Jahres 1989 gingen auf verschiedenen Wegen ca. 340000 Ostdeutsche in den Westen. Nicht zuletzt gab diese Massenauswanderung den Oppositionellen in der DDR den entscheidenden Anstoß, ab Oktober das SED-Regime mit Massendemonstrationen in einen Demokratisierungsprozess zu zwingen, an dessen Ende die Einheit in Freiheit stand.
Didaktische Überlegungen
„Ungarns Grenzöffnung brachte die Berliner Mauer zu Fall diese These multiperspektivisch zu verstehen und ihre Plausibilität im historischen Zusammenhang zu überprüfen, ist Ziel der problemorientierten Doppelstunde. Das Thema bietet die Chance, die europäische Dimension der deutschen Wiedervereinigung am Fallbeispiel der ungarischen Grenzpolitik ins Geschichtsbewusstsein zu rücken; es vertieft damit die curricularen Vorgaben aller Länder zum Thema der Wiedervereinigung. Voraussetzung ist, dass die Schülerinnen und Schüler den Verlauf des Kalten Kriegs und der deutschen Teilung kennen.
Im ersten Teil, wenn Ursachen, Verlauf und Folgen der ungarischen Grenzöffnung mithilfe von Kohl-Zitat, Diagramm und Chronik erklärt werden, wird die Sachurteilskompetenz gefördert. Im zweiten...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen