5. – 13. Schuljahr

Dennis Rütters/Thomas Schulte

Gundermann: Mehr Widerspruch in einer Person geht nicht

Fehlt die ostdeutsche Perspektive im aktuellen Wiedervereinigungs-Narrativ?

Angela Merkel äußerte in einem Zeit-Interview aus dem Januar 2019 bezugnehmend auf die Frage, ob viele Ostdeutsche „leichthändig ihre Biografien aus der Hand gegeben hätten, folgende These: „Oft denke ich, es ist ein wenig, wie es 1968 im Westen war, denn auch damals wurde bohrend nachgefragt: Wer seid ihr vor 1945 gewesen? Und wie seid ihr danach damit umgegangen? So befragen wir uns heute mit Blick auf den Zeitenwechsel von 1989 auch.
Das Interesse an ostdeutschen Biografien vor 1989 und die Frage, ob die Wiedervereinigung schlagartig zu einer „Entwertung (Rödder 2009, S. 350) ostdeutscher Biografien geführt habe, rückt zunehmend in den Fokus der gesamtdeutschen Gesellschaft. Immer wieder zuletzt nach den Ereignissen von Chemnitz 2018 diskutiert die westdeutsche Öffentlichkeit über mögliche Demokratiedefizite in den neuen Ländern. Die tatsächliche Ein-heit wird in Frage gestellt und „die Ostdeutschen als nie richtig angekommene Gruppe betrachtet, die doch eigentlich alle Möglichkeiten zu einer Integration in den markwirtschaftlichen Wohlstand gehabt habe.
Zugleich präsentieren Wissenschaftler und politischVerantwortliche Untersuchungen, die belegen, dass es in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung tatsächlich Gefühle von Bedrohung, Verlust und Verlassenheit gibt (Wirsching 2012, S. 69ff.). Die Ideale, Wünsche und Hoffnungen ehemaliger DDR-Bürgerinnen und Bürger seien im „Freiheitsschock und im Rahmen der Wiedervereinigungspolitik nicht angemessen berücksichtigt worden und genau das führe 30 Jahre nach dem Mauerfall zu spannungsgeladenen Debatten in der gesamtdeutschen Gesellschaft. Der Historiker Andreas Wirsching spricht von einem Effekt der Entfremdung zwischen den Ge-sellschaften in Ost und West, der sich in der Manifestation schlichter Stereotype zeige: hier der „Besserwessi, da der „Ossi mit Versorgungsmentalität. Gleichzeitig legt er aber auch großen Wert darauf, dass die Spaltung der ostdeutschen Gesellschaft in Täter und Opfer zu einer anhaltenden Polarisierung geführt habe. Unabhängig davon, wie diese Debatten einmal enden mögen, scheint das einfache Bild ehemaliger DDR-Bürgerinnen und -Bürger, deren heutige Zweifel und Sorgen lediglich als Zeichen von Undankbarkeit zu interpretieren seien, nicht haltbar.
Didaktische Überlegungen
Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Erwartungen, Hoffnungen und Zielen politisch engagierter DDR-Bürgerinnen und Bürger im Spannungsfeld zur politischen Realität der Wendejahre sowie deren „neudeutsche Lebenswirklichkeit scheint für Schülerinnen und Schüler in besonderer Weise gewinnbringend. Besonders reizvoll ist die exemplarische Auseinandersetzung mit einer brüchigen Biografie, die alle in der Literatur angesprochenen Phänomene aufweist. Die Auseinandersetzung soll über eine Analyse und Bewertung dieser kritischen öffentlichen Stimme im Wende-Prozess ebenso ermöglicht werden wie durch die Kontextualisierung dieser Stimme mittels fachwissenschaftlicher, politischer und popkultureller Beiträge.
Der DDR-Musiker Gerhard Rüdiger Gundermann, dessen Geschichte im Sommer 2018 erfolgreich in den Kinos präsentiert wurde, äußerte 1996 in einem Interview, dass das Jahr 1989 in seiner ostdeutschen Wahrnehmung keine Revolution gewesen sei und dass das Ergebnis keineswegs den Idealen der Bürgerrechtler und der protestierenden Menge entsprochen habe.
Die Auseinandersetzung mit Gundermanns provokanter These er selbst war Sozialist, ehemaliger IM (inoffi-zieller Mitarbeiter der Stasi) und Bergmann im ostdeutschen Revier erfordert einen klaren Perspektivwechsel und die Auseinandersetzung mit der ostdeutschen Verlusterfahrung. Besonders reizvoll ist hier, dass Lernende sich mit dem Spannungsverhältnis von politischen, persönlichen sowie sozialen Verlusterfahrungen auseinandersetzen...

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