1. – 13. Schuljahr

Steffen Barth/Franziska Conrad

Das Epochenjahr 1989

Ein Jahr der Revolutionen?

In Polen dauerte es zehn Jahre, in Ungarn zehn Monate, in der DDR zehn Wochen, vielleicht wird es in der Tschechoslowakei nur zehn Tage dauern! (Ash 1990, S.401) So beschrieb Timothy Garton Ash im November 1989 in einem Gespräch mit Vaclav Havel die Dynamik der Revolutionen in Osteuropa. Mit dem Ende der kommunistischen Regime Osteuropas und mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 war fast schlagartig eine Epoche zu Ende gegangen und eine neue begann. Die Völker Osteuropas befreiten sich vom Kommunismus und es begann eine Phase der Demokratisierung und der wirtschaftlichen Umstrukturierung, die vielfach auch mit einem neuen Nationalismus einherging. Der Kalte Krieg und die Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Kommunismus, Westen und Osten erschien nach Tony Judt „nun nicht mehr als Produkt ideologischer Notwendigkeit oder der eisernen Logik der politischen Verhältnisse, sondern als zufälliges Ergebnis der Geschichte und die Geschichte fegte alles beiseite (Judt 2006, S.15f.). Das Jahr 1989, mit dem die europäische Geschichte eine enorme Beschleunigung erfuhr, wurde aufgrund des Erstaunens über das, was sich hier ereignete, von Timothy Garton Ash als „Jahr der Wunder bezeichnet und aufgrund seines Zäsurcharakters von Francis Fukuyama gar als „Ende der Geschichte gelesen.
Der epochale Umbruch lässt sich allerdings nicht auf das Jahr 1989 eingrenzen. Er wurde durch Faktoren geprägt, die bis mindestens in die 1970er-Jahre zurückreichen und er war erst abgeschlossen mit dem Ende der Sowjetunion. Die Jahre 1989 bis 1991 müssen deshalb als Einheit betrachtet werden. Parallel bzw. darauf folgend begann erst die eigentliche Transformation von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in den Ländern Osteuropas, die zum Teil bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Geschichtswissenschaftliche Studien zu dieser Phase sind noch Mangelware (vgl. Ther 2014, S.40), es zeichnet sich aber ein Trend in der Zeitgeschichtsforschung hin zur Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit und auch mit dieser Transformationsgeschichte ab. Prominente Beispiele hierfür sind die Veröffentlichungen von Andreas Rödder (Rödder 2015), Andreas Wirsching (Wirsching 2012), Philipp Ther (Ther 2014) oder Frank Bösch (Bösch 2019).
Der Umbruch in Osteuropa und das Ende des Kalten Krieges
Ausgangspunkt des Umbruchs war der Amtsantritt Michael Gorbatschows als Generalsekretär der KPdSU im Jahre 1985, der in der Sowjetunion unter den Schlagwörtern „Perestroika und „Glasnost politische und wirtschaftliche Reformen einleitete, die mehr Transparenz und Offenheit im politischen und mehr Wettbewerb im wirtschaftlichen Bereich gewährleisten sollten. Zwei weitere entscheidende Bedingungsfaktoren waren die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Länder Osteuropas, verbunden mit einer wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der sozialen und wirtschaftlichen Situation. Hinzu kam die Entwicklung und Etablierung von Bürgerrechtsbewegungen in einigen Ländern, die im Kontext der Entspannung der siebziger Jahre entstanden waren und Ende der 1980er Jahre zunehmend die Unzufriedenheit der Bevölkerung artikulierten und einen Umbruch forderten.
Den Auftakt im Revolutionsjahr 1989 machte Polen, wo zu Beginn des Jahres ein Runder Tisch eingerichtet wurde, an dem Vertreter der Regierung und der Oppositionsbewegung über die Zukunft Polens verhandelten. Beschlossen wurden die Einführung unabhängiger Gewerkschaften, Neuwahlen sowie wirtschaftliche und politische Reformen. Den nächsten Schritt machte Ungarn. Die ungarische kommunistische Partei leitete, anders als Polen, die Reformen von innen heraus ein. Es sollten freie Wahlen stattfinden und ein Mehrparteiensystem etabliert werden. Außerdem entschied sich Ungarn, die Grenzen zu Österreich zu öffnen, was es nun möglich machte, auf legalem Wege aus dem Ostblock auszureisen. Diese Gelegenheit...

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