5. – 10. Schuljahr

David Siegel

Achillesferse der Einheit?

Die Treuhandanstalt und die wirtschaftliche Transformation Ostdeutschlands

Mit dem Herbst 1989 begann sich die bis dahin bestehende europäische Ordnung fundamental zu verändern. Ein zentraler Bestandteil dieser rasanten Transformation ist zweifellos die deutsche Wiedervereinigung, sowohl hinsichtlich ihrer nationalen als auch ihrer internationalen Dimension.
Auf der innerdeutschen Ebene wird dabei der Blick auf die Probleme der „inneren Einheit nach 1990 zunehmend wichtig. Dies gilt auch für die wirtschaftliche Dimension des Wiedervereinigungsprozesses. Auf dieser Ebene führte die Einheit zu massiven Veränderungen in beiden deutschen Teilstaaten. Im Vordergrund stand hierbei die Umgestaltung der Wirtschaftsordnung der DDR. Maßgabe für diese Transformation war die soziale Marktwirtschaft, die nun auf den östlichen Teil Deutschlands übertragen wurde. Für das wiedervereinte Land bedeutete dies einen fundamentalen Wandel, eine Herausforderung, die umso größer war, als es dafür kein historisches Vorbild gab. Erwartet wurde ein „ostdeutsches Wirtschaftswunder, das binnen weniger Jahre „blühende Landschaften in den neuen Bundesländern hervorbringen sollte die wirtschaftliche Entwicklung in der Nachwendezeit sollte jedoch einen anderen als den erwarteten Lauf nehmen. Und auch in der heutigen Zeit brechen immer wieder Kontroversen auf, wenn es um die gegenwärtige „innere Einheit Deutschlands auf der ökonomischen Ebene geht.
Die wirtschaftliche Transformation Ostdeutschlands
Noch bevor die außenpolitischen Voraussetzungen der staatlichen Wiedervereinigung geklärt waren, wurde durch die Einführung der sozialen Marktwirtschaft mitsamt der D-Mark in der DDR die Einheit Deutschlands im Sommer 1990 unumkehrbar. Bereits im Februar hatte die Bundesregierung unter Helmut Kohl, gegen die Empfehlung vieler Wirtschaftsexperten, entschieden, so schnell wie möglich eine Währungs- und Wirtschaftsunion beider deutscher Teilstaaten zu verwirklichen. Sie sollte ein schnelles Ende der bestehenden wirtschaftlichen Engpässe in der DDR herbeiführen und zu einem hohen Beschäftigungsstand und einem stetigen Wirtschaftswachstum beitragen. Am 18. Mai 1990 wurde der „Staatsvertrag zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen beiden deutschen Teilstaaten unterzeichnet, der am 1. Juli 1990 in Kraft trat. Einen Tag später wurden die Marktwirtschaft und die D-Mark als offizielle Währung in der DDR eingeführt. Statt mittel- oder langfristige Wirtschaftsreformen einzuleiten, sollte die sofortige Übernahme der bundesdeutschen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialordnung durch die DDR den wirtschaftlichen „Aufbau Ost voranbringen. Allerdings wurde mit diesem Schritt zugleich auch die gesamte Wirtschaft der DDR dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt, dem die dortigen Betriebe nicht gewachsen waren.
Die Umwandlung der ostdeutschen Planwirtschaft in eine vom freien Wettbewerb bestimmte Marktwirtschaft war schwerer zu bewältigen und benötigte mehr Zeit als die westdeutschen Politiker erwartet hatten. Die Transformation bedeutete eine „Schocktherapie für die DDR, die umso radikaler ausfiel, als sich ihre ökonomischen Potenziale als weit weniger leistungsfähig erwiesen als erwartet (vgl. Rödder 2009, S. 303). Als besonders schwierig stellte sich die Umwandlung der volkseigenen Betriebe heraus, zu der die Treuhandanstalt unter Aufsicht des Bundesfinanzministers ins Leben gerufen wurde. Sie hatte gemäß dem im Juni 1990 verabschiedeten „Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens (Treuhandgesetz) die Aufgabe, die Planwirtschaft durch zügige Massenprivatisierungen in eine Marktwirtschaft zu verwandeln. Auf diesem Wege kam es zu einer „radikale[n] Entstaatlichung durch umfassende Vermarktlichung (Böick 2015, S. 464) in der DDR. Die Treuhand war unter der Führung westdeutscher Manager zuständig für die Sicherung, Sanierung, Privatisierung und...

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