5. – 13. Schuljahr

Christian Bunnenberg

„Haben wir mit ernst angesedtzet und gesturmet und auch erobert…“

Einblicke in das Leben des Söldners Peter Hagendorf im Dreißigjährigen Krieg

Der Söldner gilt gemeinhin als zentrale Sozialfigur des Dreißigjährigen Krieges. Sowohl in der zeitgenössischen Literatur und Kunst als auch in den gegenwärtigen europäischen Erinnerungskulturen an diesen Krieg werden Söldner als Abenteurer und Glücksritter, als brutale Schlächter, Mörder und Vergewaltiger oder findige Kriegsunternehmer und Opportunisten dargestellt.
Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Zuschreibungen von außen. Bekannte zeitgenössische Auseinandersetzungen mit dem Krieg und den kämpfenden Söldnern sind das Gedicht „Tränen des Vaterlandes (1636) von Andreas Gryphius, das Gemälde „Soldaten überfallen einen Bauernhof (1620) von Sebastian Vrancx sowie der Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (1668) von Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen. Obwohl beispielsweise Grimmelshausen als Soldat im Dreißigjährigen Krieg gekämpft hat, bleiben diese lyrischen, malerischen und literarischen Darstellungen des Krieges letztlich doch nur Quellen für unterschiedliche Formen einer sinnstiftenden künstlerischen Verarbeitung desselben im 17. Jahrhundert. Diese Darstellungen können zwar unter sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen interessante Erkenntnisse über die kollektive Wahrnehmung und Verarbeitung des Kriegserlebnisses bieten, eine individuelle alltagsgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Söldnertum eröffnen sie allerdings nicht. Dazu bedarf es von Söldnern verfasste Quellen, die allerdings aus dem frühen 17. Jahrhundert, wie Selbstzeugnisse „einfacher Menschen generell, so gut wie kaum erhalten und überliefert sind.
Ein Söldnertagebuch als Glücksfund
In der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin machte 1988 ein Eintrag im Handschriftenverzeichnis den Historiker Jan Peters neugierig. Dort war 1932 ein Text mit dem Titel „Aufzeichnungen eines Soldaten über seine Erlebnisse während der Jahre 1625 – 1649 in den Bestand aufgenommen worden. Nachforschungen des Historikers ergaben, dass der Text in älteren Verzeichnissen als „Tagebuch aus dem Dreißigjährigen Krieg geführt wurde. Noch größer wurde die Freude über den Fund, als sich herausstellte, dass die Quelle bisher weder wissenschaftlich untersucht noch publiziert worden war.
Bei der Durchsicht des aufgefundenen Tagebuchs wurde deutlich, dass es sich um die Darstellung des Alltags im Dreißigjährigen Krieg aus der Feder eines Söldners handelte. Damit grenzt sich der Text in mehrfacher Hinsicht von den bisher vorliegenden Selbstzeugnissen dieser Zeit ab. Neben den beobachtenden Kriegsbeschreibungen von Adel, Klerus und gebildeten Bürgern liegen von den eigentlichen Akteuren des Krieges fast ausschließlich nur von den militärischen und politischen Eliten verfasste Berichte, Briefe und Alltagsbeobachtungen vor. Lediglich das Tagebuch eines hohen Offiziers, des Obristen Augustin von Fritsch (1599 – 1662), erlaubte bisher Einblicke in die Wahrnehmung des Soldatenlebens aber eben nicht in das eines einfachen Söldners. Dieser Mangel an Quellen ist ein Grund, warum der Roman von Grimmelshausen von Historikern und Historikerinnen häufig zitiert oder als Beleg angeführt wurde.
Das neu aufgefundene Tagebuch lässt einen Söldner zu Wort kommen, der fast ein Vierteljahrhundert auf Seiten der Kaiserlichen im Regiment Pappenheim gekämpft und in dieser Zeit mehr als 22.000 Kilometer Marschstrecke zwischen den Schlachtfeldern und Belagerungsorten in Italien, Deutschland, Frankreich und den spanischen Niederlanden bewältigt hat. Während dieser Zeit begleiteten ihn nacheinander zwei Ehefrauen, die insgesamt neun Kinder gebaren, von denen nur zwei ihre Kindheit überlebten. Die Rekonstruktion des Marschweges und die spärlichen Angaben zu den Tauforten der Kinder halfen dem Historiker Jan Peters, den zunächst anonymen Verfasser des...

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