10. – 13. Schuljahr

Heike Wolter

„Ganz Münster ist ein Freudental!

Westfälischer Friede Europa am Ende oder am Anfang?

Der Westfälische Frieden oder vielmehr die ihm vorausgehenden Verhandlungen können als wesentliches Moment der europäischen Geschichte angesehen werden. Während sich das europäische Staatensystem zuvor anhand (vermeintlicher) traditioneller Machtansprüche mal mehr, oft aber weniger erfolgreich ausbalanciert hatte, wurde nun klar, dass der Frieden und das stete Bemühen um diplomatischen Ausgleich im Mittelpunkt der Anstrengungen stehen müssten.
Hinsichtlich der konfessionellen Fragen verständigte man sich auf eine weitere wesentliche Neuerung: die bereits auf die Ideen der Aufklärung verweisende grundsätzliche Gleichberechtigung der Konfessionen unter Ausräumung der Unklarheiten, die nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 geblieben waren. Diese ging mit entscheidenden Fragen über die Anpassung der Reichsverfassung an die politischen Gegebenheiten des 17. Jahrhunderts einher.
Die Verhandlungen im Vorfeld des Friedens
All das gelang wohl vor allem, weil alle Beteiligten nach jahrzehntelangen Kampfhandlungen und enormen Verlusten kriegsmüde waren. Eine Fortführung der Auseinandersetzungen war weder erwünscht noch vermittelbar. So gelang nach fünf Jahren harter diplomatischer Auseinandersetzungen der Friedensschluss, der „ganz Münster in „ein Freudental verwandelte, wie es der spanische Gesandte Gaspar de Bracamonte y Guzmán (Graf von Peneranda) ausgedrückt haben soll.
Wie schwierig die Verhandlungen waren, zeigt sich in den unüberbrückbar erscheinenden Differenzen, welche die Einzelkonflikte des Dreißigjährigen Krieges bestimmten. Auf europäischer Ebene ging es um den Rang einzelner Staaten im Gefüge des Kontinents. Frankreich beanspruchte hier die Vorherrschaft, gleiches taten jedoch auch die Habsburger, die im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, in Spanien und Ungarn herrschten. In den Niederlanden, die teilweise unter spanischer Herrschaft standen, kulminierten machtpolitische und konfessionelle Konflikte, da sich dort protestantische Provinzen abgespalten hatten. Schweden hingegen wollte seine Macht in Nordosteuropa ausbauen und schaltete sich daher mit der Besetzung einiger Reichsterritorien im Norden und einem Kampf gegen die kaiserlichen Truppen im heutigen Mittel- und Süddeutschland in den sich ausweitenden, europäischen Konflikt ein. Das Heilige Römische Reich selbst war nicht nur in den bourbonisch-habsburgischen Konflikt involviert. Wegen der traditionell eher losen Verbindung von nach Souveränität strebenden Territorien entluden sich hier auch innerstaatlich konfessionelle Konflikte zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten genauso wie machtpolitische Differenzen hinsichtlich des Verhältnisses von Kaiser und Reichsständen.
Angesichts dieser Vielzahl von Interessensgegensätzen war die Kompromissfindung aus der zeitgenössischen Sicht des Vermittlers Alvise Contarini wahrlich ein „Weltwunder. Sie führte zu den Friedensverträgen von Osnabrück (6. August 1648) und Münster (24. Oktober 1648) ersterer verabschiedet vom Kaiser, den Reichsständen und Schweden, letzterer vom Kaiser, den Reichsständen und Frankreich.
Die Mehrheit der Urteile des 17. und 18. Jahrhunderts lassen diese Wahrnehmung jedoch noch wenig erkennen. Sie waren überwiegend kritisch, wenn auch nicht jeder so wie Papst Innozenz X. offizielle Protestnoten an die Verhandler übersandte. Innozenz erklärte in seinen Noten, die Bestimmungen seien „null und nichtig, ungültig, unbillig, ungerecht, verdammenswert, verwerflich, nichtssagend, inhalts- und wirkungslos für alle Zeiten … Niemand ist zu ihrer Einhaltung verpflichtet, auch wenn die Bestimmungen durch Eid bekräftigt sind.
Im Urteil des Zacharias Zwantzig von 1705 („Denn es wollen [die gekrönten Häupter] den Rang unter sich nicht mehr nach der Altehrwürdigkeit ihrer Königreiche, ihrer königlichen Herrlichkeit und Namen, noch nach der Macht ihrer...

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