5. – 13. Schuljahr

Digitale Quellen und Materialien zum Dreißigjährigen Krieg

Leichenpredigten
Ein historisches Thema wird besonders interessant, wenn sich allgemeine Ereignisse und Abläufe mit konkreten Schicksalen verbinden.
Für den Dreißigjährigen Krieg lässt sich dies nur bedingt vermitteln, da es kaum Überlieferungen zu einzelnen, weniger prominenternZeitgenossen gibt, die über die reinen biographischen Basisdaten (etwa in Kirchenbüchern) hinausgehen. Eine Ausnahme bilden die Sammlungen deutschsprachiger Leichenpredigten, die über eine Online-Datenbank abgefragt werden können. Der von der Forschungsstelle für Personalschriften der Universität Marburg betreute Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) bietet einen hervorragenden Ansatzpunkt für einen personalisierten Zugang zum Dreißigjährigen Krieg. Integraler Bestandteil der meisten Leichenpredigten ist ein Lebenslauf („Personalia) des/der Verstorbenen, der Aufschluss über Geburt, Taufe, Vorfahren, Lebensweg und die Umstände des Todes gibt. Leichenpredigten wurden für Verstorbene beiderlei Geschlechts und jedes Alters (es existieren auch Leichenpredigten für Kinder und Jugendliche), allerdings fast ausschließlich in protestantischen Gebieten verfasst.
Zwar bilden die in den Lebensläufen Portraitierten nicht den Querschnitt der damaligen Gesellschaft ab, vielmehr begegnen uns hier in erster Linie Adelige, bedeutende Bürger, Geistliche und Gelehrte, sowie deren Familienangehörige. Dennoch bietet der Bestand interessante Einblicke in Biographien, die durch keine andere Quellengattung in einer derartigen Weise zugänglich gemacht werden. Neben den biographischen Informationen ermöglichen die Texte das Untersuchen und Hinterfragen von „Gewalt-Narrativen. Der Krieg mit all seinen Schrecken wird in den Predigten in erster Linie wohl aus Pietätsgründen – nicht explizit geschildert, sondern in wiederkehrenden Formulierungen verarbeitet.
Die Datenbank erfasst über 220.000 Einträge mit einem zeitlichen Schwerpunkt im 17. Jahrhundert. Mithilfe einfach zu bedienender Recherchefunktionen lässt sich die Suche auf engere Zeiträume und auf bestimmte Regionen (Sterbeorte, Druckorte der Predigten) eingrenzen. Ein wichtiger Parameter der „Erweiterten Suche ist zudem die Option „Digitalisate, die die Trefferliste auf jene Leichenpredigten beschränkt, die bereits im Internet verfügbar sind. Der Umgang mit den Texten erfordert ein wenig Übung, da sie in zeittypischer Fraktur-Schrift gedruckt sind. Nach einer kurzen Einlesezeit finden sich die Schüler jedoch zurecht.
Leichenpredigten
Leichenpredigten
Beispiel für einen aus einer Leichenpredigt rekonstruierten Lebenslauf
Maria Margareta Stumpf (verheiratete Hain)
*7. Dezember 1617, Bayreuth,
+17. Dezember 1645, Bayreuth
Vater: Stadtpfarrer Dr. Johannes Stumpf,
Mutter: Kunigunda Maria geborene Häffner
Maria erhält Schulbesuch in Bayreuth und Privatunterricht vom Vater und Großvater.
1632 (September) Besetzung Bayreuths durch kaiserliche Truppen. Die Stadt muss ein Lösegeld zahlen. Als Pfand nehmen die Soldaten bedeutende Bürger als Geiseln, darunter Marias Vater. Da die Mutter hochschwanger ist, muss sich die 15-jährige Maria als nächstältestes Familienmitglied darum kümmern, einen Teil des festgesetzten Lösegeldes zu beschaffen. Dafür reist sie in dieser unsicheren Zeit mehrfach umher, um mögliche Unterstützer anzuwerben. Die bei diesen Reisen ausgestandenen Ängste werden sie bis zu ihrem Tod begleiten.
1632 (Dezember) Marias Vater stirbt drei Tage nach Ende der Geiselhaft.
1634 Zweite Eroberung der Stadt. Mit den Soldaten kommt die Pest in die Region, an der Marias Mutter im gleichen Jahr stirbt. Sie muss sich nun als Vollwaise um ihre jüngeren Geschwister kümmern.
1635 Maria heiratet den fast 13 Jahre älteren Superintendenten von Bayreuth, Magister Samuel Hain. In den darauffolgenden Jahren bekommt das Paar acht Kinder, von denen nur drei die Mutter überleben werden.
1645 Nach...

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