9. – 10. Schuljahr

Tino Zenker

Wer war Schuld?

Positionierung zur Schuldfrage des Ersten Weltkrieges mithilfe der Placemat-Methode

Die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird unter Historikern kontrovers diskutiert. Für die Sieger des Krieges war die Schuldfrage dagegen eindeutig. So wurde in den Pariser Friedensverträgen 1919 festgelegt, dass Deutschland und seine Verbündeten die Alleinschuld trugen. Rückblickend betrachtet, diente diese Klausel jedoch in erster Linie der Legitimation geforderter Reparationszahlungen.
Die Kriegsschuld-Debatte
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte der deutsche Historiker Fritz Fischer mehrere Bücher, in denen bewiesen werden sollte, dass Deutschland den Krieg 1914 gezielt geplant und begonnen hatte die Fischer-Kontroverse entstand. Jedoch konkretisierte Fischer, dass er Deutschland als Hauptschuldigen, nicht jedoch als Alleinschuldigen sah. Die Fischer-Kontroverse führte schließlich dazu, dass auch Frankreichs, Großbritanniens, Russlands und Serbiens Rolle näher analysiert wurde (Mombauer 2014b, S. 11). Konsens ist, dass Österreich-Ungarn ohne seinen mächtigen Bündnispartner Deutschland und ohne den berühmten deutschen „Blankoscheck vorsichtiger agiert hätte vielleicht hätte es den Ersten Weltkrieg ohne diese unumschränkte Rückendeckung nicht gegeben (Neitzel 2014, S. 10).
Für den deutschen Historiker Sönke Neitzel war der Krieg das Ergebnis einer europäischen Krise, an der alle Beteiligten ihren Anteil hatten bedingt durch den Hochimperialismus, den sich immer weiter verschlechternden internationalen Beziehungen und zahlreichen innenpolitischen Krisen. Eine besondere Rolle spielte seiner Meinung nach der Umstand, dass nur wenige Funktionsträger in den europäischen Hauptstädten Monarchen, Kanzler, Außen- und Kriegsminister über Krieg und Frieden entscheiden konnten.
Der australische Historiker Christopher Clark erregte mit seiner Neuinterpretation der Kriegsschuldfrage 2013 großes Aufsehen. Er legt den Fokus auf die Interpretation der Handlungen aller Großmächte, die mehr oder weniger dafür verantwortlich waren, dass es zum Krieg kam (Clark 2013, S. 715 [eBook]).
Die in Großbritannien lehrende deutsche Historikerin Annika Mombauer folgt hingegen den Thesen Fischers. Sie konstatiert zwar, dass die Forschung mittlerweile von der Suche nach einzelnen Schuldigen absieht, hält jedoch daran fest, dass den Entscheidungen Österreich-Ungarns und Deutschlands der Hauptteil der Kriegsschuld zugesprochen werden muss. Nach Meinung Mombauers riskierte und wollte Berlin den Krieg (Mombauer 2014a, S. 117 – 119).
Didaktische Überlegungen
Diese Unterrichtsstunde ist im Bereich der Analysekompetenz sowie der Sach- und Werturteilskompetenz angesiedelt. Der didaktische Schwerpunkt liegt hierbei auf einer begründeten Positionierung innerhalb der Kontroverse zur Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkrieges.
Fachwissenschaftlich betrachtet, zeichnet diese Unterrichtsstunde den Ausgang und die Bewertung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts nach, deren Folgen den Verlauf der neueren Geschichte Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, deutsche Teilung etc. prägte.
Aus geschichtsdidaktischer Perspektive soll den Lernenden aufgezeigt werden, dass es zu einem Sachverhalt immer mehrere Ansichten gibt und „die eine Geschichte nicht existiert, nicht existieren kann. Diese grundlegende Erkenntnis der Kontroversität wird in unserer Welt der „naiven Wissenschaftsgläubigkeit (Bergmann 2008, S. 41) mehr denn je benötigt. Ohne die Fähigkeit zur Positionierung innerhalb von Kontroversen ist es den Lernenden nicht möglich, sich gegenüber (historischen) Urteilen kritisch zu verhalten. Dieses Urteilsvermögen ist notwendig, um eine Mündigkeit innerhalb einer demokratischen Gesellschaft zu entwickeln, ohne einer Willkür der medien- und marktbestimmenden Geschichtskultur ausgeliefert zu sein (ebd., S. 42).
Im Rahmen dieser Unterrichtsstunde wurden für die exemplarische Reduktion...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen