10. – 13. Schuljahr

Sabine Horn

Was sagt mir dieses Bild?

Historische Fotoanalyse mit differenzierten Lernwegen und -produkten

Fotografien evozieren aufgrund ihrer vermeintlichen Authentizität eine ebenso vermeintliche Nähe. Dies trifft auch auf historische Fotografien zu. Ein reflektierter methodischer Zugang zur Analyse historischer Fotografien stellt somit stets eine Herausforderung im Geschichtsunterricht dar.
Fotografien als Herausforderung
In der Geschichtswissenschaft wurden Fotografien lange vornehmlich als illustratives Beiwerk behandelt. Das änderte sich vor knapp 20 Jahren im deutschsprachigen Raum mit der grundlegenden Studie von Cornelia Brink zum öffentlichen Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern (vgl. Brink 1998). In dieser und in folgenden Studien wurde deutlich, dass eine Analyse und Interpretation von historischen Fotografien nach gängigen Mustern der Bildanalyse selten Sinn ergibt, da diese vornehmlich nach dem bildimmanenten Sinn fragen und aus diesem heraus eine Interpretation ableiten. Maßgeblich wurde bis dato oftmals das Analysemodell nach Panofsky angewendet (vgl. Panofsky 1932). Die neuere Forschung hat ergeben, dass bei Fotografien zumal bei unabsichtlich inszenierten dieses Analysemodell jedoch nicht wirksam ist, da ikonografische Konventionen, klar formulierte Absichten und konkrete Information zum Produzenten und Kontext oftmals fehlen.
Gerade bei Fotografien, die nicht einem offiziellen, staatlichen oder propagandistischen Kontext entspringen, müssen alternative Wege der Erschließung gesucht werden. Vielmehr ist die Diskursivität der Fotografie zu befragen. Wie spricht das Bild zum Betrachter? Wie sind mögliche Wirkungen zu eruieren, indem man unterschiedliche Kontexte der Präsentation von historischen Fotos untersucht? Moderne historische Fotoanalysen lehnen sich stark an medienwissenschaftliche Forschungen im Rahmen der Cultural Studies an, die Aneignungen, potentielle Rezeptionen und Wirkungsmuster bei damaligen und heutigen Betrachtern befragen ohne jedoch den Dokumentensinn außer Acht zu lassen (vgl. Hall 2002; Bussemer 2000).
Didaktische Überlegungen
„Wir leben in einer Zeit der Bilder. (Sauer 2012) Geschichte wird zunehmend in Bildern vermittelt, da diese attraktiv und anschaulich auf Betrachter wirken. Oftmals geschehen die Aneignungsprozesse jedoch nur auf affektiven Ebenen, die ohne Reflexions- und Deutungsprozess verlaufen. Eine emanzipatorische Auseinandersetzung mit dem Bildmaterial ist so nicht möglich (vgl. Sachs-Hombach 2003).
Die Vermittlung einer grundlegenden Medienkompetenz drängt sich also geradezu auf. Mittlerweile geben viele Bildungs- und Lehrpläne für das Fach Geschichte die Anwendung „quellenadäquater Methoden und medienkritischer Analysen vor (siehe z.B. Bildungsplan Bremen Sek I/II 2008). Umso bedeutender ist es, Schüler/innen unterschiedliche methodische Zugänge zur Untersuchung einer historischen Fotografie zu ermöglichen und diese Wege im Anschluss zu reflektieren.
Das Foto, das für diese Doppelstunde ausgesucht wurde, stellt ausdrücklich kein bekanntes und somit nicht ikonografisch vorbelastetes Bild dar. Es ist ein unbekanntes (womöglich privates?) Foto, das eine Szene zum sog. Judenboykott am 1.April1933 einfing.
Ansatz der Binnendifferenzierung
Ansatz der Binnendifferenzierung
Neigung und Interessen
In der Erarbeitungsphase erfolgt eine Differenzierung nach Lernwegen und Lernprodukten (Präsentationsformen).
  • Lernwege: Konstruktion unterschiedlicher Verwendungszwecke des Fotos (Gruppe  A); Historische Perspektivenübernahme (Gruppe B); Historische Kontextualisierung (Gruppe C).
  • Lernprodukte/Präsentationsformen: Zeitung (Gruppe A); Denkblasen zum Foto (Gruppe B); Tabelle (Gruppe C).
Die Schülerinnen und Schüler können sich nach Neigungen und Interessen in die jeweiligen Gruppen einwählen. Sie werden dies nach ihren Stärken entscheiden, sich aber auch an ihren Peers orientieren. In diesem Beispiel...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen