5. – 10. Schuljahr

Dirk Witt

Lernprozesse bewusst erleben

Scaffolding als Unterstützersystem

Das Prinzip des Scaffolding stammt eigentlich aus der Fremdsprachendidaktik und kann sehr sinnvoll sowie erfolgversprechend auch für das historische Lernen eingesetzt werden.
Scaffolding als Instrument der Differenzierung
Ein Scaffold zu Deutsch „Baugerüst“ – ist ein vorübergehendes Unterstützersystem, welches individuell angelegt wird und eine hohe Schülerselbstständigkeit sowie eine größtmögliche Bewusstmachung von Lernprozessen erreichen möchte. Es ist somit ein sehr wirksames Differenzierungsinstrument.
Historisches Lernen ist an hohe Voraussetzungen in den Bereichen Kognition und Sprache gebunden. Das stellt viele Schülerinnen und Schüler immer wieder vor große Herausforderungen und muss im Planungsprozess stetig mitgedacht werden. Diese Lernhürden können mithilfe eines Scaffolds bewältigt werden.
Dabei unterscheidet der Autor dieses Beitrags zwischen Scaffolds auf der Makro- und der Mikroebene:
  • Das Makro-Scaffolding bezieht sich auf den gesamten historischen Lernprozess in Form einer Gerüstaufgabe;
  • das Mikro-Scaffolding wird dagegen als Unterstützersystem für Teilbereiche des historischen Lernprozesses verstanden, zum Beispiel in Form von Tippkarten, Impulsfragen oder Leitfäden.
Dieser Beitrag will die Potentiale, Ziele und Konzeptionsgrundlagen einer Gerüstaufgabe als Makro-Scaffold anhand des Unterrichtsbeispiels demonstrieren.
Ein Unterrichtsbeispiel
Das Beispiel der Französischen Revolution zeigt auf, wie solch ein Scaffolding aussehen könnte und wie es im Unterricht wirksam wird. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei mithilfe eines Thementisches die Ursachen für den Ausbruch der Revolution erarbeiten und ihre Narrationen in Form einer selbst zu erstellenden Zeitungsseite diskursiv darstellen (einen entsprechenden Arbeitsauftrag schlägt Material 1 vor).
Der Thementisch beinhaltet die fachtypischen Lernmaterialen wie Text- und Bildquellen, Darstellungen (in Material 2 werden beispielhaft zwei Ausschnitte von Darstellungen vorgestellt, die eine sprachliche Niveaudifferenzierung aufweisen), Statistiken und Schaubilder. Die Lernmaterialien kann man verschiedenen Lehrbüchern entnehmen, sie stehen allen Schülerinnen und Schülern der Klasse zur freien Verfügung. Die Sozialform ist freigestellt. In der Regel wird in Partnerarbeit bzw. Kleingruppen gelernt. Der Zeithorizont beträgt drei Doppelstunden einschließlich der Diskussion und Bewertung der Lernprodukte.
Hinweise zur Durchführung
Vorbereitung
Aufgrund der bisherigen, diagnostizierten Lernstände einzelner Schülerinnen und Schüler erstellt die Lehrkraft im Vorfeld individuelle Gerüstaufgaben. Dieser Schritt klingt sehr zeitaufwändig, ist aber in der Praxis mit steigenden Erfahrungswerten gut leistbar. Man konzipiert eine Gerüstaufgabe für einen Lernenden (Material 3). Diese Arbeit sollte digital am Computer geschehen, dann kann die Gerüstaufgabe ohne größeren Aufwand als Grundlage für weitere adaptierte (gekürzte, andere Schwerpunkte setzende etc.) Gerüstaufgaben dienen, die für weitere Schülerinnen und Schüler der Lerngruppe (Beispiel Material 4 auf der rechten Seite für einen leistungsstarken Schüler) eingesetzt werden können.
Einsatz
Im Unterricht entfalten Gerüstaufgaben vor allem in zwei Bereichen ihre volle Wirkung. Einerseits ist festzustellen, dass die Selbstständigkeit erhöht wird und so positive Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglicht werden. Anderseits entwickelt sich die bewusste Wahrnehmung historischer Lernprozesse auf Seiten der Schülerinnen und Schüler. In Beratungsgesprächen während des Lernprozesses ist immer wieder feststellbar, dass sie den vorgegebenen Lernweg hinterfragen oder eigene alternative Ideen diskutieren. Diese Gespräche sind sehr fruchtbar, da sie historisches Lernen als Denkprozess in den Vordergrund rücken. Durch die abschließende, bewusste Reflexion des Lernweges mithilfe der Gerüstaufgabe werden wesentliche...

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