5. – 13. Schuljahr

Christoph Kühberger/Philippe Weber

Dialogisches historisches Lernen

Ein produktiver Zugang der Inneren Differenzierung

Innere Differenzierung stellt sich bewusst der Herausforderung der Verschiedenheit der Lernenden. Diese ist geprägt von unterschiedlichen Lernfähigkeiten und Lernerfahrungen, aber auch durch kulturelle und soziale Herkunft, Geschlecht, Lernhaltungen, Interessen, Arbeitstempo und vielen weiteren Faktoren. Ziel ist es, diese Diversität in der Lerngruppe wahrzunehmen und Lernangebote zu differenzieren, um möglichst individuelle Aneignungsprozesse zu unterstützen (Kühberger/ Windischbauer 2016, 315).
Geschichtsdidaktische Zugänge
Geschichtsdidaktische Publikationen der letzten Jahrzehnte beschreiben meist einen Zugang für die Hauptschulen, oftmals ignorierend, dass Diversität in allen Schultypen, -stufen und -formen zur Realität gehört. Es wird versucht, Materialien und Aufgaben zur Verfügung zu stellen, die durch einfache Adaptionen auf verschiedenen Niveaus lösbar sind (z.B. durch Hilfestellungen). Beispiele für solche Zugänge findet man etwa im Bereich von geöffneten Lernformen für den Geschichtsunterricht (z.B. Geschichte lernen 2009; Kühberger/Windischbauer 2012; Kampl 2016). Daneben existiert eine Reihe didaktischer Konzepte, die fachspezifisches Lernen als einen Prozess strukturieren, der möglichst allen einen Zugang bietet. Sie versuchen, die Zugangsbarrieren möglichst gering zu halten und lassen individuelle Verarbeitungsmodi zu, arbeiten sogar mit ihnen produktiv. Ein solches Konzept soll hier vorgestellt werden.
Dialogisches Lernen ein Unterrichtsbeispiel
Um das Potential des dialogischen Lernens zu veranschaulichen, wird eine erprobte Unterrichtseinheit präsentiert, die auf die Entwicklung prozeduralen Wissens im Bereich der Bildinterpretation abzielt. Das Arbeiten mit bildlichen Quellen ist strukturell gut im Geschichtsunterricht verankert, weshalb sich die hier skizzierte Methodik auf andere Fallbeispiele übertragen lässt. Im Mittelpunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit einer bildlichen Quelle steht neben der Fragestellung, welche den Rahmen für die Beschäftigung und das Erkenntnisinteresse bietet, der methodische Dreischritt des Beschreibens, Analysierens und Interpretierens (vgl. Krammer/Ammerer 2006; Sauer 2009). Anhand der antikatholischen Karikatur „Ego sum Papa (Material 1) werden die Lernenden durch diese fachspezifische Methode begleitet.
Der Einsatz des dialogischen Verfahrens besteht dabei darin, dass die Schülerinnen und Schüler ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Sehgewohnheiten für die Entwicklung eines Methodenrasters zur Bildinterpretation einsetzen. Die Lehrperson initiiert diesen Prozess, verstärkt gelungene Zugänge, ergänzt die Resultate und führt sie mit den Lernenden zu einem gemeinsamen Produkt zusammen. Methodenraster sind auf diese Weise nicht der Ausgangspunkt einer „instruktiv-handlungsorientierten Unterrichtsstruktur (Demantowsky 2007), sondern das Produkt eines Dialogs, der die Vielfalt der Kompetenzen aller Beteiligten einschließlich der Lehrperson nutzt.
Erster Durchgang: Beschreiben mit dem „Sesseltanz
„Ein Bild spricht nicht für sich! das ist die Kernidee der vorliegenden Unterrichtseinheit, die mit der Karikatur „Ego sum papa (Material 1) bewusst ein Bild auswählt, dessen Bildsprache den Schülerinnen und Schülern fremd ist. Die Kernidee wird im Unterricht zusammen mit dem Auftrag eingeführt, das Bild möglichst wertfrei und ohne Interpretationen präzise zu beschreiben (Arbeitsblatt 2, Aufgabe 1).
Die Lernenden nutzen dabei die Vielfalt der Beobachtungen, indem sie mit der Methode des „Sesseltanzes in einen Dialog über ihre Beobachtungen treten. Jede Schülerin und jeder Schüler erhält so die Möglichkeit, in einem individuell gewählten Lerntempo ihre bzw. seine vorläufige Lösung zu einer Aufgabe schriftlich festzuhalten. Ist dies geschehen, lassen die Lernenden ihre verschriftlichen Einsichten am eigenen...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen