9. – 10. Schuljahr

Antje Dussa/Marco Schöber

Auf mehreren Wegen zum Ziel

Die Welt kleinster Kunstwerke differenziert entdecken: Briefmarken als Quellen im Geschichtsunterricht

Briefmarken, Münzen und Geldscheine eignen sich aufgrund ihrer leicht erschließbaren, symbolreichen Bildsprache und historischen Authentizität hervorragend als Quellen für den Geschichtsunterricht. Ohne großen Aufwand können sie als motivierender Einstieg in die Analyse von Bildquellen dienen oder auch zur Erschließung komplexer historischer Sachverhalte herangezogen werden.
Gerade weil sie von staatlichen Institutionen gestaltet bzw. herausgegeben werden, ermöglichen sie einen zumeist unverstellten Blick auf die Sicht der Herrschenden auf sich selbst und andere, insbesondere in totalitären Regimen. Die thematische und gestalterische Vielfalt regionaler und nationaler Postwertzeichen sowie die leichte Verfügbarkeit dieser Quellensorte bergen ein großes Potenzial für einen sinnlichen, handlungsorientierten, multikulturellen, multiperspektivischen und in jeder Hinsicht differenzierenden Geschichtsunterricht.
Personenkult
Monarchien und „Bilddiktaturen (Sauer 2002, S. 165) haben sich traditionell der visuellen Darstellung ihrer Repräsentantinnen und Repräsentanten, Integrationsfiguren, Ideen, oder ähnlichen Motiven auf Postwertzeichen und Zahlungsmitteln bedient. Manche, meist totalitäre/autoritäre Staaten, schätzen auch gegenwärtig noch die Möglichkeit, diese Alltagsmedien propagandistisch zu instrumentalisieren.
Ziel sollte es daher sein, die Lernenden dazu anzuleiten, diese Formen der Selbstdarstellung, Selbstlegitimation, Propaganda und politischen Auseinandersetzung zu erkennen und zu entlarven.
Propagandafälschungen
Fälschungen von Briefmarken gibt es nicht nur zum Schaden der Post oder der Sammelnden. Sie sind auch ein Mittel der politischen/ideologischen Auseinandersetzung. So wurden beispielsweise bereits im Ersten Weltkrieg in England Imitationen gängiger Briefmarken angefertigt, um Flugblätter und Propagandamaterial zu verschicken (Postfälschungen). Anhand von Propagandafälschungen vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit kann gezeigt/erlebt werden, wie Motive kurzerhand verändert wurden, um dem Gegner propagandistisch/ideologisch zu begegnen. Als Beispiele eignen sich die „Aktion Bernhard (Deutschland gegen Großbritannien, ab 1939), die „Operation Cornflakes (USA gegen Deutschland, 1944) und Fälschungen der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) in den Jahren von 1948 bis 1954. Letztere agierte von Westberlin aus und bezog kritisch Stellung zu Demokratie und Wahlsystem, zum Fünfjahresplan, zur Meinungsfreiheit sowie dem 17. Juni 1953 in der DDR.
Postkrieg
Kaum vorstellbar, aber wahr: Bis vor etwa 30 Jahren sorgten Briefmarken trotz ihrer geringen Größe noch für diplomatische Verstimmungen zwischen den beiden deutschen Teilstaaten. Der als „deutsch-deutscher Postkrieg in die Geschichte eingegangene Konflikt zwischen Bundespost und Post der DDR verlagerte den Kalten Krieg auf die Ebene des Alltags. Die Beförderung und Zustellung von Postsendungen wurde aus politisch-ideologischen Gründen von beiden Seiten in verschiedenen Fällen verweigert. Grundlage dieses Handelns bildeten die Ausgabeanlässe (z.B. 10 Jahre Vertreibung, Bundespost 1955), Motive (z.B. Zschokkesches Stift in Königsberg/Preußen, Bundespost 1966) und Symbole (z.B. 25 Jahre „antifaschistischer Schutzwall, Post der DDR 1986) der Postwertzeichen.
Unterrichtsdramaturgie
Zum Einstieg eignet sich ein Gegenwartsbezug. Im Internet lassen sich ohne große Mühe neueste Briefmarken zum Beispiel mit dem Konterfei des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un finden. Darüber hinaus kann die Lehrkraft die Lernenden damit konfrontieren, dass es in Thailand unter Strafe verboten ist, auf Geld mit dem Abbild des Königs zu treten auch für Reisende!
Daraus ergibt sich die Problemorientierung, ob Postwertzeichen und Zahlungsmittel über das Potenzial...

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